(Griechisch: sarx = Fleisch und penia = Mangel ist der altersbedingte Abbau von Muskelmasse und -kraft, der zu funktionellen Einschränkungen, erhöhtem Sturzrisiko und schlechterer Lebensqualität führt und ab etwa 30 Jahren beginnt, sich beschleunigt und oft ab 60-80 Jahren deutlich wird, aber durch gezieltes Krafttraining und eine proteinreiche Ernährung und Vitamin D entgegenwirkend und behandelbar ist, wobei die WHO Sarkopenie seit 2016 als eigenständige Krankheit anerkennt.)
Sarkopenie hat mehrere Ursachen. Dazu zählt, dass Motoneuronen und Muskelfasern beim Altern verloren gehen. Zusätzlich atrophieren insbesondere die schnellen Typ-II-Muskelfasern, es entwickelt sich eine anabolische Resistenz (d.h. anabole Reize steigern die Muskelproteinsynthese im alten Muskel weniger als im jungen) und alte Muskeln regenerieren im Durchschnitt schlechter als junge Muskeln. Sarkopenie geht mit Gebrechlichkeit, erhöhter Mortalität und mehr Stürzen einher. Zudem haben Individuen mit geringer Muskelkraft häufiger Probleme, Aufgaben des alltäglichen Lebens zu bewältigen.
Die wichtigste Therapie ist ein altersgerechtes, sicheres und attraktives, progressives Krafttraining kombiniert mit einer Aufnahme von 20-40g Protein idealerweise vor, während oder nach einer Krafttrainingseinheit. Pro Tag werden für Ältere mindestens 1-1,2g Protein pro kg Körpergewicht empfohlen. Ergogene Substanzen wie Kreatin und Vitamin D können die Muskelmasse weiter erhöhen.
Der Körper schüttet bei intensiver Muskelbeanspruchung Myokine aus. Diese Botenstoffe der Muskeln stoppen beispielsweise Entzündungen und regulieren die Immunabwehr. So wird auch immer besser verstanden, wie Muskelarbeit konkret den Fett- und Zuckerstoffwechsel beeinflusst. Bewegungsmangel gilt als ein wichtiger Auslöser für diverse, oft chronische Erkrankungen. Als ein daraus resultierendes Problem diskutieren Wissenschaftler die Ansammlung von viszeralem Fett (Bauchfett). Es steht im Verdacht, im Körper entzündliche Reaktionen hervorzurufen oder zumindest zu unterstützen. Die Fetteinlagerungen bilden einen Herd für systemische Entzündungen, der auf niedrigem Niveau lodert. Die Folge: ein ständig existenter Nährboden für Erkrankungen. Genau an dieser Stelle greift der Wirkmechanismus von Myokinen.
Myokine sind hormonähnliche, körpereigene Stoffe, die der Muskel bei erhöhter Muskelaktivität direkt ausschüttet. Sie gehören biochemisch gesehen zur Gruppe der Interleukine, welche wiederum den Peptidhormonen zuzuordnen sind. Den Begriff prägte die dänische Professorin Bente Klarlund Petersen vom Rigshospitalet an der Universität Kopenhagen im Jahr 2007. Myokine gelten als Botenstoffe mit unterschiedlichsten positiven Einflüssen auf den gesamten Organismus. Dass es eine Verbindung zwischen Effekten im Körper und der Muskelaktivität gibt, ist schon lange bekannt. Den Kommunikationsweg kannte man allerdings nicht. Myokine werden vermehrt bei intensiver Beanspruchung der Muskulatur ausgeschüttet – insbesondere während eines Krafttrainings. Aber auch jegliche andere Bewegung trägt zu diesem Prozess bei.
Die Skelettmuskulatur ist das größte Organ des menschlichen Körpers. Das Erkennen, dass sie auch als Sekretionsorgan tätig ist, war von großer Bedeutung. Mit der Entdeckung der Myokine sowie deren basalen Kommunikationswegen zwischen Muskulatur und anderen Organen, in denen weitere endokrine Effekte angestoßen werden, konnten Wissenschaftler Details des lange Zeit gesuchten Zusammenhangs zwischen diversen (chronischen) Erkrankungen und dem Bewegungsmangel klären. So haben die Wissenschaftler beispielsweise Myokine identifiziert, die eine wichtige Rolle in einer Wirkkaskade spielen, welche sich auf das Immunsystem des Menschen auswirkt.
Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Kräftigung, der Ausschüttung von Myokinen und den resultierenden positiven Effekten liegt auf der Hand. Viele Myokine sind an der Wirkkaskade für den Fettabbau beteiligt und fungieren indirekt als Entzündungshemmer. Vielen Erkrankungen wird durch die Myokine die Grundlage entzogen – nämlich die Existenz des viszeralen Fettes. Erhöhte körperliche Aktivität reduziert also stark systemische Entzündungswerte und hat damit einen signifikanten Einfluss auf diverse chronische Erkrankungen. Speziell diskutieren Wissenschaftler hier Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose, neurodegenerative Erkrankungen (Alzheimer, Demenz) und Krebs.
Wissen Physiotherapeuten über Myokine Bescheid, können sie dies für die Patientenedukation nutzen und die Bedeutung von Bewegung und Muskulatur unterstreichen: Eine erhöhte Muskelaktivität verstärkt die Ausschüttung von Myokinen und hat Einfluss auf entzündliche Vorgänge im Körper und damit auf verschiedene Krankheiten und Symptome. Dieser Zusammenhang bietet eine verständliche Erklärung für die Grunderkrankung „Bewegungsmangel“. Patienten können mit dieser Erklärung nachvollziehen, dass Training viel mehr ist als Muskelaufbau und Herz-Kreislauf-Training – es besteht eine weitere und äußerst gesundheitswirksame Ebene, die hier deutlich wird.
Die Zahl identifizierter Myokine hat seit ihrer Entdeckung stetig zugenommen. Heute sind einige Dutzend Stoffe bekannt, die durch die Aktivierung von Muskelzellen bei Bewegung ausgeschüttet werden. Zu den gut erforschten Myokinen gehören die Interleukine IL-6, IL-8 und IL-15. IL-6 aktiviert beispielsweise das Enzym AMP-aktivierte Proteinkinase (AMPK) in der Muskelzelle, welches kurzfristig Engpässe in der Energiebereitstellung während Aktivitäten überbrücken soll. Bei erhöhter Muskelaktivität steigt im Plasma die Konzentration von IL-6 auf das bis zu hundertfache Niveau an.
Besonders stark ist die Aktivierung bei konzentrischen Kontraktionen. Die Konzentration steigt dabei nahezu exponenziell mit der Übungsdauer an [4,5,6]. Zudem vermuten Forscher, dass IL-6 funktionell in den Stoffwechsel eingreift. Eine Beteiligung an der Insulin-induzierten Glukoseaufnahme konnte bereits in In-vitro-Experimenten gezeigt werden [7]. Des Weiteren gibt es nachweisliche Auswirkungen auf Lipolyse und Fettoxidation in der Skelettmuskulatur [5]. Ebenso nachgewiesen ist eine hemmende Wirkung auf die Produktion von TNF-alpha, einem Zytokin, welches bei Entzündungsreaktionen eine große Rolle spielt [8].
Insgesamt sind die Wirkungen des IL-6 vielfach, komplex und physiologisch positiv. Ähnliche Zusammenhänge spricht man auch anderen Myokinen zu. Zwar wird IL-8 im Gegensatz zum IL-6 nur in geringen Mengen ausgeschüttet und wirkt daher eher lokal [4]. Es beeinflusst aber den Energiestoffwechsel und die Bildung neuer Blutgefäße. IL-15 ist bei Krafttraining eines der in höchster Konzentration auftretenden Myokine in der Skelettmuskulatur. Es hat ebenfalls Effekte auf den Stoffwechsel und wird mit der Reduktion von Fettgewebe, der Lipolyse sowie der Unterdrückung des Fettabbaus in Verbindung gebracht [1,3].